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Saatgut ernten

Autorenbild: Scarlet Allenspach
Scarlet Allenspach
13. Aug.
8 Min. Lesezeit

Wer seine Pflanzen bis zur Blüte stehen lässt, kann davon Saatgut für die nächste Saison ernten. Aber Achtung, das geht nur, wenn die Pflanze mit samenfestem Saatgut gezogen wurde! Was das ist und wie du dein eigenes Saatgut ernten kannst, erklären wir dir hier...


getrocknete Blüten

Wieso wir biologisches, samenfestes Saatgut verwenden und vertreiben:


Der frühe Herbst ist der perfekte Zeitpunkt, um Saatgut von deinen Balkonpflanzen zu sammeln und für den nächsten Frühling aufzubewahren. Hier zeigt sich der wahre Wert von samenfestem Saatgut. Die meisten Gemüse im Handel sind sogenannte Hybridsorten (auf Saattüten mit F1 gekennzeichnet). Diese sind zwar auf eine ergiebige Ernte hin gezüchtet, jedoch sind deren Samen für die nächste Aussaat unbrauchbar. So stellen Grosskonzerne sicher, dass Bauern Jahr für Jahr neues Saatgut bei ihnen bestellen müssen. Das ist eine gefährliche Entwicklung, welche wir nicht unterstützen; deshalb setzen wir auf biologisches, regionales und eben samenfestes Saatgut. Nur samenfeste Sorten geben ihre typischen Eigenschaften an die Nachkommenschaft weiter – vorausgesetzt, die Blüte wurde nicht von einer fremden Sorte bestäubt. Was das konkret heisst, liest du gleich unten. Die Samen aus den Früchten und Blüten unseres Saatguts können also nächsten Frühling problemlos zur Anzucht neuer Jungpflanzen verwendet werden.


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Während mehrjährige Stauden über viele Jahre an einem Platz wachsen, müssen ein- und zweijährige Pflanzen immer wieder aufs Neue ausgesät werden. Du kannst die Samen an einem warmen und trockenen Tag sammeln und zum Trocknen auf Haushaltspapier auslegen. Es ist wichtig, dass den Samen die Feuchtigkeit komplett entzogen wird, damit sie nicht zu faulen beginnen. Sobald sie also ganz trocken sind, kannst du eventuelle Rückstände von den Samen entfernen, indem du sie zwischen den Fingern reibst oder in einem Teller schwenkst. Die schweren Samen sinken dann zu Boden. Anschliessend kannst du die Samen in deine selbst gemachte Saattüte stecken, anschreiben und datieren. Luftig, kühl, trocken und dunkel gelagert halten sie am längsten (je nach Sorte sind sie so 2 bis 6 Jahre keimfähig).


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Samenfest allein reicht nicht: die Bestäubungsfrage

Hier kommt der Punkt, der in den meisten Anleitungen fehlt – und an dem die erste eigene Saatgut-Ernte am häufigsten scheitert.

Samenfest heisst: Die Sorte kann ihre Eigenschaften weitergeben. Ob sie es tut, hängt daran, wer die Blüte bestäubt hat.

Selbstbefruchter bestäuben sich in der eigenen Blüte, bevor die Insekten überhaupt zum Zug kommen. Ihre Nachkommen sind sortenrein – auch mitten in der Stadt, auch wenn auf dem Nachbarsbalkon ganz andere Sorten stehen.

Fremdbefruchter brauchen Pollen von einer anderen Pflanze derselben Art. Bienen und Wind bringen ihn – nur eben nicht unbedingt von der Sorte, die du dir wünschst. Wenn drei Balkone weiter eine andere Zucchini blüht, kreuzt sie mit. Das Ergebnis wächst nächstes Jahr trotzdem, schmeckt und sieht aber aus wie eine Überraschungstüte. In der Erwerbsvermehrung arbeitet man deshalb mit Isolationsabständen von mehreren hundert Metern. Auf dem Balkon ist das schlicht nicht machbar.

Einfach – bestäuben sich selbst, bleiben sortenrein:

Tomate · Bohne · Erbse · Salat · Paprika und Chili · Andenbeere (Physalis) · Kapuzinerkresse · Ringelblume · Klatschmohn

Schwierig – kreuzen sich mit der Nachbarschaft:

Kürbis · Zucchini · Gurke · Randen (Rote Bete) · Mangold · Kohlarten · Karotte · Zwiebel · Sonnenblume · Dill und Koriander

Unsere Empfehlung für den Balkon: Fang mit der ersten Gruppe an. Eine Tomate, eine Bohne, eine Ringelblume – das funktioniert zuverlässig, und du hast im Frühling wirklich das, was du erwartest. Die Fremdbefruchter kannst du trotzdem ernten; betrachte das Ergebnis dann einfach als Experiment und nicht als Sortenerhalt.


Manche Pflanzen blühen erst im zweiten Jahr

Einjährige Pflanzen keimen, blühen, setzen Samen und sterben – alles in einer Saison. Bei ihnen bekommst du dein Saatgut im selben Jahr.

Zweijährige machen im ersten Jahr etwas anderes: Sie bilden Blätter und einen Vorratsspeicher – die Rübe, die Wurzel, die Zwiebel. Dann brauchen sie einen Winter, denn der Kältereiz ist das Signal zum Blühen. Erst im zweiten Sommer schieben sie mit der gespeicherten Energie einen Blütenstängel hoch, blühen, setzen Samen und sterben ab.

Zweijährig sind unter anderem: Randen (Rote Bete), Karotte, Zwiebel, Kohlarten, Mangold und Petersilie.

Und hier liegt der Haken: Der Vorratsspeicher ist genau das, was du isst. Er ist das Startkapital für Blüte und Samen im zweiten Jahr. Wer die Rübe erntet, isst dieses Kapital auf. Du musst dich pro Pflanze entscheiden – essen oder vermehren. Beides geht nicht.

Zwei Wege, wie du trotzdem an Samen kommst:

  • Stehen lassen: Zwei, drei Pflanzen einfach nicht ernten. Sie überwintern im Topf oder Beet und blühen im zweiten Sommer. Im Topf ist das heikel, weil der Wurzelballen viel schneller durchfriert als Gartenboden – rück den Topf an die Hauswand und pack ihn in Laub oder Vlies.

  • Ausgraben und wieder einsetzen: Der klassische Weg. Ja, du ziehst die Pflanze mit Wurzel aus der Erde – und setzt sie im Frühling wieder ein. Weil die Wurzel ein Speicherorgan ist, übersteht sie den Winter problemlos ausserhalb des Bodens. Das Blatt bis auf zwei bis drei Zentimeter über dem Kopf abschneiden, dabei das Herz nicht verletzen. Die Wurzel kühl, dunkel und frostfrei in feuchtem Sand einschlagen, etwa 2 bis 5 °C. Im März oder April wieder einpflanzen – sie treibt aus, schosst und blüht.

Zwiebeln sind der einfachste Fall: Die lagerst du ohnehin trocken über den Winter. Steck im Frühling eine gut erhaltene Zwiebel in einen Topf, und sie schiebt ihre Blütenkugel hoch.

Der Umweg über das Einlagern hat sogar einen Vorteil: Du siehst jede Wurzel, bevor du sie wieder einpflanzst, und kannst gezielt die schönste für die Vermehrung auswählen. Trotzdem ist das ein Projekt für die zweite oder dritte Saison – nicht für den Anfang.


Wann ist der Samen reif?

Der häufigste Fehler überhaupt: zu früh ernten. Ein Samen, der noch nicht ausgereift ist, keimt nie – egal wie sorgfältig du ihn danach trocknest. Die Faustregel lautet: Warte länger, als sich richtig anfühlt. Bei fast allen Gemüsen liegt die Samenreife deutlich nach der Essreife.

Sorte

Woran du die Reife erkennst

Meist reif im

Tomate

Frucht überreif, weich und leicht faltig

September – Oktober

Bohne und Erbse

Hülse pergamentartig braun, die Samen rasseln darin

August – September

Paprika und Chili

Frucht voll ausgefärbt und leicht schrumpelig

September – Oktober

Salat

Pflanze geschossen, Blütenstand wird zur «Pusteblume»

Juli – September

Gurke

Gelb-braun, weiche Schale, weit über die Essreife hinaus

September

Zucchini und Kürbis

Schale steinhart, Stiel verholzt

September – Oktober

Andenbeere

Lampion papierdünn und beige, Frucht goldgelb

September – Oktober

Ringelblume

Samenkränze braun und trocken, lösen sich leicht

Juli – Oktober

Kapuzinerkresse

Dicke, helle Samen fallen von selbst zu Boden

August – Oktober

Klatschmohn

Kapsel braun, rasselt beim Schütteln

Juli – August

Sonnenblume

Blütenboden braun, Rückseite gelb, Kerne prall

September

Dill und Koriander

Dolde braun, Samen lösen sich bei Berührung

August – September

Tipp: Wenn schlechtes Wetter kommt, bevor die Samen ganz reif sind, schneide den ganzen Stängel ab und häng ihn kopfüber an einem trockenen, luftigen Ort auf. Die Pflanze reift dort oft noch nach.


So erntest du dein Saatgut:


1. Durch die Selektion des Saatgutes kannst du die Qualität deiner nächsten Ernte beeinflussen. Wähle für die Vermehrung also die beste oder grösste Frucht aus. Oder die, die als erste reif ist.


2. Bei Blüten kannst du die ganzen Blütenstände trocknen lassen, bei Gemüse wie Chilis sind die Samen einfach abzulösen.


3. Zum Trocknen auf ein Haushaltspapier auslegen. Blüten können auch kopfüber aufgehängt werden.


4. Mit den Händen allfällige Rückstände oder Hülsen entfernen. Um die Samen möglichst rein zu kriegen, kann man sie in einer Schüssel schwenken und so die schweren von den leichten Teilen trennen.


Tomatensamen ernten:

Tomatensamen

Tomaten, Physalis, Gurken und andere schleimige Sorten sind etwas anspruchsvoller. Tomaten halbieren, in ein Glas geben und mit den Fingern zerdrücken, sodass sich die Samen etwas lösen. Dem Glas etwas Wasser beigeben und für 1–2 Tage stehen lassen. Ein Gärungsprozess setzt ein und die Samen lösen sich aus ihrem schleimigen Mantel. Sobald die Samen an den Grund sinken das ganze absieben und die Samen auf einem Haushaltspapier schön nebeneinander zum Trocknen auslegen. Zum besseren Trocknen lege ich das Papier auf eine Schale, damit Wasser abtropfen kann. Hier ist das Timing wichtig! Die schleimige Schicht dient der Tomate als Keimschutz. Wenn du zu lange mit dem Absieben wartest, können die Samen bereits im Glas zu keimen beginnen und sind somit für die Lagerung unbrauchbar.


5. Sobald die Samen ganz trocken sind, können sie in die Saattüte gepackt, angeschrieben und datiert werden. Trocken, dunkel und kühl gelagert halten sie am längsten.


Gut zu wissen: «Bio» sagt nichts darüber aus, ob sich ein Gemüse vermehren lässt. Auch im Biolandbau wird viel mit F1-Hybriden gearbeitet – Hybridzüchtung ist dort erlaubt und hat nichts mit Gentechnik zu tun. Wenn du also aus einer Bio-Gurke aus dem Laden Samen gewinnst, wächst daraus nächstes Jahr mit grosser Wahrscheinlichkeit etwas anderes, als du erwartest.

Entscheidend zur eigenen Saatgut-Gewinnung ist nicht bio, sondern samenfest oder F1.


Die Keimprobe: funktioniert dein Saatgut noch?

Ob dein selbst geerntetes Saatgut etwas taugt, musst du nicht bis zum Frühling raten. Ein einfacher Test gibt dir in zehn Tagen Gewissheit – und erspart dir ein leeres Anzuchtbeet im März.

  1. Zehn Samen auf ein feuchtes Stück Haushaltspapier legen.

  2. Das Papier locker falten und in einen Gefrierbeutel oder eine Dose geben – nicht luftdicht verschliessen.

  3. Warm und hell stellen, etwa 20 °C. Feucht halten, nicht nass.

  4. Nach sieben bis vierzehn Tagen zählen, wie viele gekeimt sind.

So liest du das Ergebnis:

  • 8 bis 10 gekeimt: ausgezeichnet, ganz normal aussäen.

  • 5 bis 7 gekeimt: brauchbar, einfach etwas dichter säen.

  • unter 5 gekeimt: die Charge ist schwach. Entweder deutlich dichter säen oder frisches Saatgut verwenden.

Mach die Probe im Januar oder Februar, dann hast du vor der Aussaatsaison noch Zeit zu reagieren.


Wie lange bleibt Saatgut keimfähig?

Richtig gelagert hält Saatgut erstaunlich lange – aber nicht alles gleich lang. Zwiebelsamen sind nach zwei Jahren praktisch tot, Tomatensamen keimen oft noch nach sechs.

Sorte

Keimfähigkeit

Tomate

4 – 6 Jahre

Gurke, Kürbis, Zucchini

4 – 6 Jahre

Kapuzinerkresse

4 – 5 Jahre

Randen und Mangold

4 – 5 Jahre

Bohne und Erbse

3 – 4 Jahre

Paprika und Chili

3 – 4 Jahre

Basilikum

3 – 4 Jahre

Klatschmohn und Sonnenblume

3 – 4 Jahre

Salat und Asiasalat

3 Jahre

Karotte, Dill und Petersilie

2 – 3 Jahre

Ringelblume

2 – 3 Jahre

Zwiebel und Lauch

1 – 2 Jahre

Deshalb datierst du jede Tüte. Immer. In drei Jahren weisst du sonst nicht mehr, ob die Karottensamen aus 2026 oder aus 2023 stammen – und der Unterschied entscheidet über die ganze Aussaat.


Richtig lagern

Luftig, kühl, trocken und dunkel gelagert halten Samen am längsten. Als Faustregel gilt: Die Summe aus Lagertemperatur in Grad Celsius und Luftfeuchtigkeit in Prozent sollte unter 100 bleiben. Ein kühler Schrank oder eine Blechdose im ungeheizten Zimmer ist besser als die warme Küche.

Und: beschriften und datieren. Sortenname, Jahr, allenfalls eine kurze Notiz, wie sich die Pflanze geschlagen hat.


Auf unserem Instagramprofil findest du eine einfache Video-Anleitung in den Highlights.


Womit du anfängst

Eigenes Saatgut zu gewinnen funktioniert nur mit samenfesten Sorten. Bei uns ist jede einzelne Sorte samenfest und biologisch, von Sativa in Rheinau – und wir liefern in die ganze Schweiz.

Die dankbarsten Sorten für deine erste eigene Saatgut-Ernte:

  • Klatschmohn – Die trockene Kapsel ist ein fertiger Streuer. Einfacher wird es nicht.

  • Black Cherrytomate – Die Klassikerin fürs Samengewinnen.

  • Erbse – Trocknet in der Hülse von selbst.

  • Kapuzinerkresse – Die grossen Samen liegen im Herbst einfach am Boden.


Du willst nicht selber auswählen? Die Saatbox vier Jahreszeiten bringt dir ein ganzes Balkonjahr in einer Box – samenfest, bio, aufeinander abgestimmt.

Oder gleich ein ganzes Jahr Saatgut? Beim Saatgut-Jahresabo bekommst du ein Jahr lang jeden Monat samenfestes Bio-Saatgut zugeschickt, passend zur Saison. Einmal bestellen, ein Jahr lang Bio-Saatgut im Briefkasten.


Willst du mehr über unser Saatgut erfahren? Hier findest du einen Bericht vom Besuch bei unserem Saatgut-Produzenten.


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Dieser Beitrag wurde ursprünglich von Scarlet Allenspach verfasst. Im August 2026 wurde er von Katrin Helbich überarbeitet und um die Bestäubungsfrage, die Reifetabelle, die Keimprobe und die Übersicht zur Keimfähigkeit ergänzt.

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